Eigentlich…

Eigentlich dürfte ich mich gar nicht wundern, über das was heute so passiert – oder auch nicht passiert ist. Eigentlich ist dies Nepal live. Eigentlich läuft mir die Zeit davon und ich dürfte hier gar nicht sitzen und dies schreiben, aber irgendwie muss ich mir meinen Unmut von der Seele schreiben… Eigentlich war der heutige Tag voll ausgeplant mit Aktivitäten, die ich unbedingt vor meiner Abreise noch erledigen wollte.

Die durch die Grenzblockade hervorgerufene Krise dauert nun bereits zwei Monate an und läßt das Land ausbluten. Es zeichnet sich auch noch keine Besserung der Lage ab, im Gegenteil. Auch meine Arbeit hat hier sehr darunter gelitten. Zum einen musste ich haarscharf kalkulieren, da die Preise sämtlicher Waren in die Höhe geschossen sind, Baumaterial ist Mangelware, es ist schwierig und extrem teuer, notwendige Transporte zu organisieren. Oftmals fallen Termine aus, weil es den Beteiligten unmöglich ist, zu einer bestimmten Zeit von A nach B zu gelangen.

Eigentlich war alles schon geklärt. Vor ein paar Tagen hatte Suman einen Händler ausfindig gemacht, der die für unsere Bauvorhaben nötige Anzahl an Pressholz-Platten vorrätig hat und uns diese zu einem fairen Preis überlassen würde. Ich war dann nochmal gemeinsam mit Suman im Geschäft, um den Kauf zuzusichern. Heute wollten wir gemeinsam mit ein paar Jungs vom KungFu Team diese Platten abholen und zu den Hütten von Joshna und Rupesh schaffen, wo sie dann als Winterschutz angebracht werden sollten.

Als ich zur vereinbarten Zeit an der Schule eintraf, merkte ich sofort, dass Suman etwas bedrückt. Er hatte die Nachricht bekommen, dass von den bestellten 25 Platten nur noch 7 vorrätig sind. Was mit den anderen Platten war, darüber kann man nur spekulieren. Vermutlich hatte jemand mehr geboten und die Platten gleich abtransportiert. Ich hätte heulen können! Was nun? Der Winter kündigt sich schon mit merklich kälteren Tagestemperaturen an, von nachts ganz zu schweigen. Wo bekommen wir nun auf die Schnelle noch Material her? Ich wollte diese Aktion schon ganz gerne vor meiner Abreise noch abschließen, damit ich Suman, der selbst noch in seinem halb eingefallenen Haus wohnt, nicht noch zusätzlich Arbeit aufbürden muss.

Eigentlich soll Suman am Mittwoch mit 15 jungen Kämpfern zu der KungFU WM nach Delhi reisen und hat auch diesbezüglich noch Vorbereitungen zu treffen. Nachdem die Kids Anfang des Jahres in Bangkok so erfolgreich waren, hatten sie eine Nominierung zu dem Wettkampf in Delhi erhalten. Aber daraus sollte nun auch nichts mehr werden, denn Suman offenbarte mir die nächste Hiobsbotschaft.

Eigentlich waren die Flugtickets für alle Teilnehmer reserviert und angezahlt, jedoch noch nicht vollständig bestätigt. Dies sollte heute erfolgen. Allerdings nur, und das hat mich gleich nochmal wütend gemacht, wenn pro Passagier ein Aufschlag von ca. 70 Euro gezahlt wird. Jede renommierte Fluggesellschaft wäre mit solch einem Geschäftsgebaren weg vom Fenster. Für die nepalesischen Billigairlines gelten da wahrscheinlich ganz andere Gesetze. Begründet wurde die Preiserhöhung selbstverständlich mit der Petrol-Krise.

Suman und seine Truppe waren verzweifelt. Ich kenne ihn lange genug, um zu wissen, dass sich hinter seiner stets freundlichen Mine Wut, Trauer und Resignation abwechselten. Nun mag man drüber streiten, ob die Teilnahme an einer WM so wichtig ist.  Für mich gibt es da nur eine Antwort – JA! Für die Kinder und Jugendlichen ist dies eine Wahnsinns-Chance, später von internationalen Sportvereinen gefördert und unterstützt zu werden. Einem Jungen hatte man schon ein Stipendium in Amerika angeboten. Was das für die Jugendlichen, die hier in Nepal nur begrenzte Chancen haben, bedeutet, kann man wohl nur ansatzweise ermessen.

Für die meisten Familien der KungFuKids ist das Ticket allein schon eine Belastung, die sie nur gemeinsam tragen können. Da wird die ganze bucklige Verwandtschaft abgeklappert, um das Geld zusammen zu bekommen. Nun sollte dies alles hinfällig sein?!  Ich war stocksauer, in meinem Kopf ratterte es. Ich kalkulierte mein Budget mehrmals durch und entschied mich dann, einen Teil der zusätzlichen Kosten zu tragen.

Bevor ich Suman dies mitteilte, fragte ich ihn jedoch erstmal, welche Möglichkeiten es noch gibt. Er meinte, dass er für den Wiederaufbau seines Hauses einen kleinen Kredit aufgenommen hat und wohl davon die Kosten decken wolle. Allerdings würde dies die Reparatur seines Hauses gefährden. Das konnte und wollte ich nicht zulassen!

Eigentlich war heute mal wieder alles schief gegangen und eigentlich sorgten wir uns noch immer, woher wir das Baumaterial bekommen sollen. Aber Sumans Sprachlosigkeit, die in tiefe Dankbarkeit umschlug, zu erleben, war für mich das absolute Highight des Tages!

Suman bat mich, allen Spendern und Unterstützern, die diese Art von Hilfe ermöglichen, seinen herzlichsten Dank, auch im Namen aller KungFu Kids, auszurichten.

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