Shopping-Marathon

Der Distrikt Lamjung liegt etwa 160 km nordwestlich von Kathmandu. Ein Katzensprung für europäische Verhältnisse – fast eine Tagesreise hier in Nepal, zumal die Infrastruktur in dieser Region recht dürftig ist. Lamjung wurde schwer vom ersten der beiden schweren Erdbeben erschüttert. Viele Menschen verloren Angehörige und Freunde sowie ihr Obdach. Mein Freund Tashi hat gemeinsam mit seinem Team die Menschen in dieser Region durch Hilfsaktionen unterstützt.

Deepresha, eins der Patenkinder von ‚Hope for Nepal‘, lebt zusammen mit ihrer Familie in einer kleinen Siedlung in Lamjung. Glücklicherweise haben alle Ihre Angehörigen das Erdbeben überlebt und auch ihr kleines Haus steht noch nahezu unversehrt. Trotzdem kämpft die Familie ums Überleben. Deepreshas Papa verdient den Lebensunterhalt als Träger von Expeditionsgepäck. Dies ist ein verdammt harter Job, aber Dipendra tut ihn gern für seine Familie. Nun haben viele Touristen und Expeditionen ihre Reise nach Nepal abgesagt, so dass Dipendra dieses Jahr noch keine einzige Rupie verdienen konnte.

Ich hatte mir vorgenommen, Deepresha direkt vor Ort zu besuchen. Das ist aufgrund von Benzinmangel und eingeschränktem öffentlichen Verkehr nur schwer möglich. Deshalb hielt es Tashi für sinnvoller, wenn wir uns hier in Kathmandu treffen, zumal hier auch die Einkaufsmöglichkeiten wesentlich besser sind.

Bereits früh um 5 hat sich Deepresha mit ihrem Papa auf den weiten Weg gemacht. Gegen Mittag rief mich Tashi an, dass die beiden in seinem Büro angekommen sind. Ich war schon total gespannt auf die kleine Maus. Wow – was für eine Süsse! Deepresha hatte sich extra ihr schönstes Kleidchen angezogen und sah darin aus wie eine kleine Prinzessin. Sie hat ganz dunkle Kulleraugen und ist für ihre 4 Jahre schon recht groß. Natürlich war sie müde von der langen Tour. Ganz schüchtern packte sie das Geschenk ihrer Pateneltern aus und konnte es kaum fassen, dass das Kuscheltier und die Stifte nun ihr gehören. Während Deepresha die Stifte ausprobierte, las Onkel Tashi den Brief ihrer Paten vor.

Damit sich die beiden Gäste nach der weiten Reise stärken können, bestellten wir lecker Pizza und Momos. Ich hatte für die Familie ein kleines Budget eingeplant und so starteten wir auch gleich nach dem Essen zum Shoppen. Die Taxipreise sind mittlerweile dermaßen hoch, dass wir uns zu Fuß nach Asan aufmachten, dem bekanntesten und größten lokalen Markt in Kathmandu. Ich kenne das Gewirr aus Gassen bereits von vorherigen Shoppingtouren und mir graute ehrlich gesagt schon davor.

Auf freien Plätzen prasselte die Sonne auf uns nieder, während in den engen Gassen zwar Schatten, aber auch keinerlei Luftzirkulation herrschte. Wer schon einmal auf solch einem lokalen Markt war, weiß, dass hier jegliche bisherige Einkaufserfahrung hinfällig ist und man nur ‚überleben‘ kann, wenn man sich auf dieses laute, bunte Treiben unvoreingenommen einlässt. Das nehme ich mir zwar auch immer wieder vor, aber es gelingt mir in den seltensten Fällen. Gestern war ein besonderer ‚Härtefall‘.

Da Tashi nicht mitkommen konnte und die Verständigung mit Dipendra nur notdürftig möglich ist, haben wir vorher im Büro geklärt, was alles gebraucht bzw. gekauft wird. Winterjacken und Schuhe standen ebenso auf unserer Shoppingliste wie Schulranzen und Kleidung für die Familie. So der Plan.

Dipendra ist ein stolzer Vater und zeigte natürlich seiner Tochter immer wieder schöne Kleidchen und Blüschen. Deepresha war zwar nicht quengelig, aber verständlicherweise sehr müde und wollte weder etwas anprobieren noch sagte es ihr zu. Ich hatte schnell herausgefunden, dass Pink ihre Lieblingsfarbe ist, und versuchte nun, Winterkleidung in dieser Farbe herauszusuchen. Aber auch das wollte sie nicht. Wahrscheinlich hat sie die Flut der Eindrücke einfach überfordert, war sie doch zum ersten Mal in ihrem Leben in Kathmandu – und dann auch noch an einem der chaotischsten Plätze.

Wir wanderten von einem Laden oder Verkaufsstand zum nächsten, von einer Gasse zur anderen. Wir mussten uns an den Händen halten, damit wir uns nicht verlieren. Meine Geduld wurde auf eine harte Probe gestellt und ich kämpfte echt mit mir, mir das nicht anmerken zu lassen. Dabei rief ich mir immer wieder ins Gedächtnis, dass die beiden einfach von der Fülle des Angebots erschlagen waren und es wahrscheinlich zum ersten Mal in ihrem Leben war, dass sie einen ganzen Monatslohn an einem Tag ausgeben konnten. Bei diesen Gedanken fiel es mir dann wieder leicht, Verständnis für die Situation aufzubringen.

Als Dipendra dann allerdings auch weiterhin nur Kleidchen und Blüschen in seine Auswahl zog, ist mir -zum Glück nur innerlich- der Kragen geplatzt. Ich habe Tashi angerufen und ihn gebeten zu übersetzen, dass wir zuerst die Einkaufsliste abarbeiten und dann, wenn noch etwas übrig ist, auch ein ‚Luxus-Teil‘ für Deepresha kaufen. Ab da lief es dann etwas besser. Wir Drei haben vermutlich ein tolles Bild abgegeben, denn wir hatten stets eine Traube von Einheimischen um uns herum, die uns beim Shoppen beobachteten.

Nach etlichen Stunden sah ich mich schon auf der Zielgeraden, als Dipendra noch nach ein paar Sandalen für seine Frau schauen wollte. Kein Problem, standen in dem Shop nur 3 Modelle zur Auswahl. Dass dies auch nochmal über eine halbe Stunde dauerte, hat mich die letzten Nerven gekostet. Und dabei habe ich mich immer für recht entspannt gehalten. Aber wie gesagt, westliche Maßstäbe sind in Nepal fehl am Platz!

Zum Schluss gab es für Deepresha noch ein Spielzeugauto, in das sie sich verliebt hatte. Nur leider gibt’s kein Benzin! Es war schon stockdunkel, als wir nach 5 langen Stunden wieder in Tashis Büro ankamen und Deepresha stolz ihre Schätze zeigen konnte. Glücklicherweise hat die Familie Verwandte in Kathmandu, so dass sie hier übernachten und am nächsten Morgen den Rückweg antreten können.

Was dieser Tag für Deepreshas Familie bedeutet, kann man wohl nur ansatzweise ermessen, wenn man die Umstände hier im Land kennt. Der Papa von Deepresha hat mich gebeten, allen Spendern, die diese wertvolle Unterstützung ermöglicht haben, von ganzem Herzen zu danken.

Ein besonderes Dankeschön gilt Franzi und Roman, den Pateneltern der kleinen Deepresha, für die Übernahme der Schulgebühren. Depresha ist eine gute Schülerin und kann schon alle Buchstaben schreiben!

… und hier könnt ihr mal nachvollziehen, was wir alles gekauft haben:

Schuhe für die Schule 550 Rs. / Socken 110 Rs. / Schulrucksack 400 Rs. / Winterjacke für Deepresha 1200 Rs. / Kleid für Deepresha 390 Rs. / Winteranzug für das Baby 700 Rs. / Kurta für die Mama 1000 Rs. / Sandalen für die Mama 200 Rs. / Hemd für den Papa 450 Rs. / Sari für die Oma 800 Rs. / Hemd für den Opa 400 Rs. / Spielzeug 250 Rs. / Fahrgeld für die Reise 1500 Rs.

Macht alles zusammen – 7950 Rupien (ca. 70,-€)!

Die strahlenden Kinderaugen – unbezahlbar!!!!

 

 

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