Ein ganz ’normaler‘ Vormittag

Morgensport ist ja schön und gut, wenn er freiwillig gemacht wird. Da lauf ich ganz gern mal die Hügel hoch, um in aller Ruhe den Sonnenaufgang zu genießen und damit in den Tag zu starten.

Gestern musste ich mich mit Suman ein ausgetrocknetes Flussbett hochhangeln, als es mit dem Motorrad nicht mehr weiterging. Das war nicht ganz so lustig, zumal wir beide voll bepackt mit Hilfsgütern waren. Dabei wäre ich um ein Haar noch auf eine Schlange getreten, die zu so früher Stunde auch schon unterwegs war. Ich hab ihr dann großzügig die Vorfahrt gelassen.

Ich wollte unbedingt noch vor meiner Abreise die Familie unseres Patenkindes Laxmi besuchen. Diese lebte in einer armseligen Hütte hoch über dem Dorf an den Hängen des Shivapuri, bis das Erdbeben im vergangenen Jahr ihnen auch diese nahm. Durch Spenden und mit Unterstützung der KungFu-Jungs konnte direkt daneben eine Notbehausung aus Planen und Bambus errichtet werden, die jedoch auch nicht mehr ewig halten wird.

Auf den ersten Blick mag einem das Leben der Familie recht idyllisch vorkommen. Die Bambushütte ist umgeben von Felder, auf denen es nur so grünt und blüht. Üppige Ingwerbüsche, Blumenkohl, Spinat, Zwiebeln, Knoblauch und Kartoffelstauden versprechen reiche Ernte. An den Wänden der Hütte sind unzählige Maiskolben zum Trocknen aufgehängt und unter der Überdachung stapeln sich Säcke voller Reis.

Dies alles gehört jedoch nicht der Familie Tamang, sondern dem Grundbesitzer, für den die Mutter die schwere Feldarbeit macht. Als Lohn darf sich die Familie einen kleinen Teil der Ernte nehmen, der grad zum Überleben reicht. Der Vater kann nicht mehr arbeiten. Er ist sehr krank, hat Probleme mit der Lunge. Laxmis Bruder Puspa ist 12 Jahre alt und konnte nur sporadisch zur Schule gehen – wie gerade mal Geld da war. Bereits vor zwei Jahren hatte mich Suman auf die Not der Familie aufmerksam gemacht. Seitdem bezahlen wir die Schulgebühren für die beiden Kinder, um ihnen durch Bildung den Weg aus dem Teufelskreis Armut heraus zu ermöglichen. Die 6jährige Laxmi hat sogar schon eine Patin gefunden, die sie bereits seit einem halben Jahr unterstützt.

Renate ist momentan selber in Nepal, allerdings nur für eine sehr kurze Zeit, die auch streng durchgeplant ist. Sie hat viele Kindersachen von ihren Enkeln mitgebracht und mich gebeten, diese zu verteilen. Ein Großteil der Kleidung hat genau die richtige Größe für die beiden Geschwister.

Aber nicht nur Laxmi und Puspa, sondern auch ihre Eltern waren schier überwältigt, als Suman und ich gestern morgen bei ihnen aufgekreuzt sind und die Sachen verteilt haben. Mutter und Kinder konnten gar nichts sagen und auch bei mir verhinderte ein dicker Kloß im Hals das Sprechen. Das sind Momente, für die sich jede Anstrengung lohnt und die einem Demut lehren.

Auch wenn die Sonne mittlerweile recht heiß vom Himmel brannte, so waren die Vorzeichen der Natur auf einen baldigen Einbruch der ‚Cold Saison‘ nicht zu übersehen. Die Plastikplanen waren noch von Tau überzogen und der Wind kam merklich kühl daher. Ich bin bestimmt nicht zimperlich und habe diesbezüglich schon so einiges bei meiner Arbeit in Nepal erlebt. Aber ich konnte und wollte mir einfach nicht vorstellen, dass die Familie noch lange auf der dünnen Bambusmatte nächtigen muss. Vor allem für den Gesundheitszustand des Vaters kann dies doch nicht zuträglich sein.

Suman übersetzte mir, dass die Familie gern die alte Hütte komplett abreißen und die Ziegelsteine für den Bau einer neuen Hütte verwenden möchte. Die Kinder sind jedoch noch zu klein, der Vater krank und die Mutter wird dies alleine nicht schaffen. Ich weiß aber auch, dass ich mich auf ‚meine‘ KungFu Jungs verlassen kann. So konnten wir der Familie unsere Unterstützung zusichern. Ich bin ganz optimistisch, dass von den Spenden noch ein Teil verfügbar ist, so dass wir davon die nötigen Zinnbleche für das Hüttendach besorgen können.

Bis die neue Hütte steht, werden noch einige Monate vergehen. Um bis dahin zumindest einigermaßen Schutz vor der Kälte zu bieten, habe ich beschlossen, einen Teil der Spenden für dickere Schlafmatten und warme Decken zu verwenden. Diese wird Suman in den nächsten Tagen besorgen und sie der Familie Tamang übergeben. Die stille Dankbarkeit der Eltern zu spüren hat mich beschämt und berührt zugleich. Vor allem weil es Dinge sind, die in unserer Welt als selbstverständlich betrachtet werden.

Zurück in Budhanilkantha trafen wir uns mit Corinna, um weitere Hilfsaktionen zu planen, das Budget zu kalkulieren und um unsere Aktivitäten abzustimmen. An dieser Stelle geht ein ganz dickes Dankeschön an Corinna für ihre großartige Unterstützung!

Freunde und Bekannte hatten ihr in Vorbereitung auf die Reise eine beträchtliche Summe an Spenden mitgegeben, die Corinnas Patenkind Rupesh zugutekommen soll. Ihr erinnert euch sicher noch an unseren Besuch in der Hütte seiner Großeltern. Mit Unterstützung der KungFu Jungs hatten wir es im letzten Jahr geschafft, die Hütte halbwegs stabil und winterfest zu machen. Jedoch fehlt es der Familie noch immer an einfachen Dingen. Corinna hatte bereits ein paar warme Decken aus Kathmandu mitgebracht. Dazu besorgten wir im Ort noch eine Flasche Gas zum Kochen, einen Reiskocher und diverse Lebensmittel. Aber wie sollten wir das alles zu Rupesh’s Hütte transportieren? Ein Freund von Rupesh hatte fix einen Scooter organisiert, auf den zumindest die größeren Waren verladen wurden.

Über abenteuerliche Pfade gelangten die Sachen dann an Ort und Stelle, wo sie Corinna einer völlig überwältigten Großmutter überreichen konnte. Was für ein wunderbarer, aber auch anstrengender Vormittag … und doch irgendwie ganz normal!

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